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Im Interview mit Nora Frießner, Gründerin des nachhaltigen Saarbrücker Conceptstores FreudenSchrei

Den Gedanken, sich selbstständig zu machen, haben viele. Es reizt, seine Ideen verwirklicht zu sehen, sich über regelmäßige Kunden und gut laufende Geschäfte zu erfreuen und über viele Jahre hinweg eine bekannte Anlaufstelle zu sein. Der Weg dahin ist oftmals steiniger als gedacht. Doch auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann etwas Schönes gebaut werden.

Im Interview mit Nora Frießner, Gründerin des nachhaltigen Saarbrücker Concept Stores FreudenSchrei, geht es um das erste -  manchmal alles entscheidende - Jahr am Markt und ihre Erfahrungen.

                                   

Hallo Frau Frießner, Sie haben sich vor knapp einem Jahr, im September 2015, mit Ihrem nachhaltigen Concept Store FreudenSchrei in Saarbrücken selbstständig gemacht.

gral BeraterTeam: Beschreiben Sie uns bitte kurz, was sich hinter FreudenSchrei verbirgt, für was es steht und was das Besondere daran ist.

Nora Frießner: FreudenSchrei steht in erster Linie für Freude. Wir bieten außergewöhnliche Produkte aus verschiedenen Bereichen. Den Schwerpunkt stellen Design- und Einrichtungsgegenstände dar, viele davon sind Einzelstücke aus Upcycling-Projekten. Daneben bieten wir Naturkosmetik und Yogazubehör an und natürlich unsere SBRCKN-Kollektion mit dem eigenen Saarbrücken-Logo. Unsere Produkte sollen vor allem Freude bringen - den Käufer_innen, die etwas Hochwertiges, Besonderes erwerben, aber auch den Produzent_innen. Wir achten dabei vor allem auf faire Bezahlung und nachhaltige Produktion. Es gibt auch immer wieder neue Produkte im Sortiment, damit es nicht langweilig wird.
Zusätzlich veranstalten wir Lesungen, Vorträge und Workshops zu verschiedenen Themen. Der Laden ist bewusst so gestaltet, dass man sich dort längere Zeit zum Stöbern aufhalten kann. Wir lotsen unsere Kund_innen nicht wie im Supermarkt durch´s Geschäft und positionieren die Produkte mit der größten Marge in Augenhöhe, sondern wir möchten ein stressfreies, entspanntes Einkaufserlebnis bieten. Es steht beispielsweise immer Wasser für bereit; im hinteren Bereich gibt es Sitzgelegenheiten.

gral BeraterTeam: Wie haben Sie sich auf die Gründung vorbereitet und was mussten Sie dabei beachten? Gab es Herausforderungen, denen Sie sich stellen mussten oder Erlebnisse, die Ihre Gründungszeit besonders geprägt haben?

Nora Frießner: Nachdem ich selbst ein grobes Konzept entwickelt hatte, habe ich mich erst einmal an gral - das Beraterteam gewandt, um eine mögliche Umsetzung zu besprechen. Die größte Herausforderung war die städtische Bauordnung. Denn ursprünglich wollte ich ein Erotikgeschäft eröffnen mit ausgewähltem, handgearbeitetem Erotik-Spielzeug. Auch das war als Concept Store angelegt - mit einem weiteren Angebot an Design-Artikeln und Veranstaltungen. Auf dieser Grundlage habe ich Marktforschung und Zielgruppenanalysen betrieben. Die Finanzplanung war darauf abgestimmt und ich war bei den Hersteller_innen als Händler_in registriert. Dazu habe ich im Vorfeld eigens ein Nebenwerbe angemeldet, um die Preislisten und Margen erfragen zu können. Zum Schluss ging es nur noch darum, einen geeigneten Standort zu finden.
Und hier machte mir die Bauaufsicht einen Strich durch die Rechnung. Mein Konzept wurde mit Prostitution und Vergnügungsstätte gleichgesetzt und war somit von den Bereichen St. Johanner Markt / Nauwieser Viertel / Mainzer Straße u.ä. verbannt. Da der Standort aber ganz entscheidend für den Erfolg meines Konzepts war, habe ich kurzentschlossen das Konzept an den Standort angepasst und die Schwerpunkte verlagert. Es gibt jetzt mehr Design- und Einrichtungsgegenstände aus aller Welt und das Erotik-Spielzeug leider nur im Online-Shop.
Auch andere Vorschriften schränken uns teilweise ein. So würden wir zum Beispiel gerne Kaffee und Kuchen oder frische Säfte anbieten. Ohne Ausschankgenehmigung dürfen wir das allerdings nicht und eine solche wird in Saarbrücken nicht mehr neu vergeben. Von solchen bürokratischen Hürden sind übrigens viele Gründer_innen betroffen, vor allem, wenn es um neue Konzepte geht, um Mischformen zwischen Handel und Gastronomie. Die sind nicht vorgesehen, die kennt man bei den Behörden nicht. So werden viele Anträge von der Bauaufsicht abgelehnt.

gral BeraterTeam: Ihr Standort zwischen Johanneskirche und Rathaus in Saarbrücken liegt fußläufig zur Haupteinkaufsstraße. Wie verlief Ihre Suche nach einem passenden Standort? Worauf haben Sie dabei besonders geachtet?

Nora Frießner: Es war von Anfang an klar, dass nur der Bereich um den St. Johanner Markt, das Nauwieser Viertel oder die Mainzer Straße in Frage kommen. Die Mieten direkt am Markt oder in der Bahnhofstr. sind für einen inhaber_innengeführten Einzelhandel - zumal einen neu gegründeten - kaum erschwinglich. Das Viertel war von Anfang an mein favorisierter Standort, an dem es aber keine geeigneten Leerstände gab.
Als ich dann zufällig hörte, dass der vorherige Betreiber am Rathausplatz eine_n Nachfolger_in sucht, habe ich natürlich sofort zugeschlagen und das Konzept noch einmal sozusagen auf den Standort „feinabgestimmt“. Der Name „FreudenSchrei“ stammt übrigens noch aus dem alten Konzept, drückt aber so passend auch die jetzige Unternehmensphilosophie aus, dass ich ihn beibehalten habe.

gral BeraterTeam: Gerade die Anlaufphase in der Selbständigkeit ist ein emotionaler Moment. Zum einen begibt man sich auf vielschichtiges Neuland, zum anderen muss man sofort funktionieren und unternehmerisch handeln. Gab es Momente, in denen Sie an Ihre Grenzen gestoßen sind? Wie haben Sie es geschafft, sich zu motivieren weiterzumachen?

Nora Frießner: An die eigenen Grenzen zu stoßen gehört in der Selbständigkeit ja fast zum Tagesgeschäft. Das macht es so spannend.
Ich hatte von Anfang an unglaublich positives Feedback von den Kund_innen und gleichzeitig immer die betriebswirtschaftlichen Zahlen im Hintergrund, die vor allem am Anfang wie ein Damoklesschwert über dem eigenen Projekt und natürlich über der eigenen wirtschaftlichen Existenz schweben. Da denkt man schon manchmal: „Hm, Dein Laden kommt ja gut an, aber von der Begeisterung der Kundschaft allein kannst Du die Miete nicht zahlen.“
In den ersten Monaten steckt man die Rückschläge noch locker weg - mit dem anfänglichen Enthusiasmus. Aber irgendwann wird man ungeduldig  - wenn es nicht schnell genug voran geht oder eine längere Durststrecke kommt, von der man nicht weiß, ob und wann sie vorübergeht. Das war bei mir am Jahresanfang der Fall. Da kam ein ordentlicher Umsatzeinbruch und ich musste reagieren.
In solchen Momenten ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und sachlich zu analysieren. Welche Ursachen gibt es für die Situation? / Wo liegt mein Potential? / Wie kann ich das Ruder jetzt rumreißen? In der Präventionsarbeit würde man das „Analyse der Schutz- und Risikofaktoren“ nennen. Also einfach schauen: Was muss ich verstärken und was sollte ich ändern? Ich habe dazu das Team vom gral BeraterTeam kontaktiert, um eine gründliche Analyse zu machen und einen Aktionsplan zu erarbeiten.
Na ja, und wenn die Lage mal ganz aussichtslos wirkt, entdecke ich meistens irgendein Produkt, das mich total überzeugt oder lerne besondere Menschen kennen, mit denen ich Projekte und Kooperationen planen kann. Und dann gibt es die treuen Stammkund_innen und immer wieder neue Kund_innen, mit denen ich ins Gespräch komme und die mir sagen, wie gut sie es finden, dass es einen Laden wie das FreudenSchrei in Saarbrücken gibt.

gral BeraterTeam: Ihr Sortiment und Ihre Lieferanten wählen Sie sehr bewusst und unter Berücksichtigung bestimmter Kriterien aus. Worauf achten Sie und wieso?

Nora Frießner: Kreativität und Nachhaltigkeit sind unsere Hauptkriterien. Ein Produkt sollte ansprechend und außergewöhnlich sein. Wir möchten keine Massenware verkaufen. Die Produkte sollen lange halten und eben lange Freude bereiten. Die Produktionsbedingungen sind uns dabei ebenso wichtig.
Wir führen klassische FairTrade-Produkte, aber auch welche von kleineren Initiativen, die sich keine teuren Siegel leisten können, aber dennoch auf gerechte Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen achten. Wenn zum Beispiel Baumwolle verarbeitet ist, die kein Bio-Siegel hat, aber von kleinen Familienbetrieben stammt, die ohne Pestizide arbeiten, dann ist das ein unserer Meinung nach ein gutes Produkt, von dem wir wissen, dass die Umwelt nicht belastet wird und dass es die Bauern und Näherinnen usw. unterstützt.
Wir sind gerade in einem gesellschaftlichen Umbruch. Den Konsument_innen wird immer bewusster, dass hinter den Produkten Menschen stehen, die diese produziert haben - und das häufig unter lebensgefährlichen und die Umwelt zerstörenden Bedingungen. Das schadet nicht nur Mensch und Umwelt, sondern ist vor allem auch unnötig, da es meist nur dem Profit einiger weniger Unternehmen dient. Ich kann für 20 Euro ein T-Shirt aus pestizidfreier Baumwolle erstehen, das unter fairen Arbeitsbedingungen produziert wurde. Dagegen stammen Designer-Shirts für 80 Euro häufig von den gleichen Fließbändern wie die von Billigketten. Fair und nachhaltig ist also durchaus bezahlbar.
Natürlich ist es schwierig, sich in dem Dschungel der vielen Siegel und Zertifikate zurechtzufinden. Manchmal muss man auch Kompromisse eingehen. Es gibt eben kaum ein faires, tierversuchsfreies, veganes, gesundes, umweltschonendes Bio-Produkt. Wir wählen unser Angebot sorgfältig aus und informieren unsere Kund_innen ganz offen über die einzelnen Produkte. Die Entscheidung nehmen wir damit niemandem ab, wir möchten ja nicht missionieren. Aber wir liefern alle Informationen und gern auch persönliche Empfehlungen.

gral BeraterTeam: Was würden Sie anderen Gründern oder Menschen, die mit dem Gedanken einer Selbstständigkeit spielen, raten?

Nora Frießner: Neben einem tragfähigen Konzept, einer gründlichen Marktanalyse, einer fundierten Finanzplanung usw. ist die Persönlichkeit das Hauptkriterium. Natürlich braucht man eine gewisse Risikobereitschaft. Man muss bereit sein, in den ersten Jahren auf Einiges zu verzichten und man muss sich selbst motivieren können. Das Alles sollte den meisten Leuten bewusst sein, die eine Selbständigkeit planen.
Mein persönlicher Rat ist, die eigenen Fähigkeiten genau zu reflektieren. Niemand kann alles alleine bewältigen. Einige Aufgaben sollte man abgeben. Ich habe zum Beispiel eine Buchhalterin beauftragt, damit mir bei der Steuer keine Fehler unterlaufen. Eine Grafikdesignerin kümmert sich um Farbkonzept, Logo usw. und setzt immer noch jede Printanzeige für mich.

Bei der Finanzierung würde ich raten:
Wenn man kaum monatliche Kosten hat und privat gut vernetzt ist, ist es eventuell sinnvoll, ohne großen Kapitaleinsatz bei Null zu starten und langsam zu wachsen. Natürlich ist hier auch Crowdfunding eine gute Möglichkeit, den Marktwert der eigenen Idee zu testen und die Umsetzung zu finanzieren.
Wenn die selbständige Tätigkeit allerdings zeitnah den Lebensunterhalt decken soll, dann sollte man sich unbedingt über Beratungsmöglichkeiten und Förderprogramme genau informieren.
Die IHK ist zum Beispiel eine sehr gute Anlaufstelle. Es gibt auch Netzwerke für Gründer_innen und Selbständige. Hier kann man Erfahrungen austauschen und Kontakte knüpfen.
Also einfach Augen und Ohren offen halten und nichts überstürzen. Jeder Euro und jede Stunde für eine gründliche Planung sind gut investiert.

gral BeraterTeam: Ihr Unternehmen feiert nächsten Monat seinen ersten Geburtstag. Was wünschen Sie sich, Ihrem Unternehmen und Ihren Kunden?

Nora Frießner: Ich wünsche mir mehr Konkurrenz: mehr nachhaltige Produkte auf dem Markt und einen kritischeren Konsum. Zurzeit besetze ich eine noch sehr kleine Nische in Saarbrücken. Es wäre schön, wenn das Angebot in diesem Bereich größer wäre. Einige neue - und gerade hier im Viertel auch alteingesessene - Läden arbeiten ja schon nach einer ähnlichen Philosophie.
Glücklicherweise gibt es immer mehr StartUps mit tollen, nachhaltigen Geschäftsideen. Wir sind gespannt, was in den nächsten Jahren an Konzepten und innovativen Produkten entsteht. Einen Teil davon wird man im FreudenSchrei entdecken können.
Und natürlich wünsche ich mir, dass das Nauwieser Viertel als Alternative zum Massenkonsum wieder mehr Beachtung findet. Hier entstehen gerade viele neue Unternehmen und Projekte. Es ist ein vielseitiges, sehr lebendiges Stadtviertel mit interessanten Menschen. Wenn Bahnhofstraße und Markt zu eintönig sind, wird man sich hier wahrscheinlich wohlfühlen.
Zum 1. Geburtstag wünsche ich mir ein schönes Geburtstags-Fest. Wir sind gerade in der Planung und freuen uns darauf, mit unseren Kund_innen zu feiern und mit einem Glas Crémant auf die nächsten gemeinsamen Jahre anzustoßen!

Liebe Frau Frießner, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen und FreudenSchrei alles Gute sowie weitere erfolgreiche Jahre.

Wir vom gral BeraterTeam haben Nora Frießner bei der Entwicklung und Umsetzung Ihres Gründungsvorhabens unterstützend begleitet und sind auch heute noch in Form einer Nachgründungs- bzw. Strategieberatung in enger Zusammenarbeit.